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Der unreflektierte Schrei nach Wertschätzung und was er anrichten kann
Eine notwendige Begriffsabgrenzung als Soforthilfe und Rückkehr zu Würde und Menschwerdung
Prolog
Dieser Artikel kann als strategischer Kompass für Menschen in Führung dienen, die verstanden haben, dass nachhaltige Wertschöpfung nur dort entsteht, wo Menschsein ermöglicht wird.
Folgende Punkte möchte ich herleiten:
- Echte Motivation entsteht nicht aus Wertschätzung, sondern aus Würde
Der Text macht deutlich, dass Lob, Anerkennung oder materielle Anreize allein keine nachhaltige Motivation erzeugen. Führungskräfte, die Würde mit Wertschätzung verwechseln, versuchen Symptome zu behandeln, statt Ursachen zu verstehen. Wer Würde achtet – also Autonomie, Sinn, Zugehörigkeit und Selbstwirksamkeit ermöglicht – aktiviert intrinsische Motivation, Verantwortung und Reife. Das führt zu tragfähiger Leistung, nicht zu kurzfristiger Gefälligkeit.
- Klarheit über Begriffe führt zu Klarheit in Führung und Kommunikation
Unklare Begriffe erzeugen unklare Erwartungen. Der Text schärft das Verständnis dafür, was Wertschätzung ist und was nicht, und verhindert damit psychologische Regression in Teams („Applaus für Selbstverständlichkeiten“). Führungskräfte gewinnen dadurch ein präziseres Führungsinstrument: Sie können Beiträge klar bewerten, ohne den Menschen in Frage zu stellen. Diese Trennschärfe reduziert Konflikte, Missverständnisse und verdeckte Kränkungen erheblich.
- Unternehmen müssen Orte menschlicher Reifung anstatt seelischer Verarmung sein
Der Text zeigt, dass Organisationen entweder psychische Reife fördern oder unreife Muster stabilisieren. Führungskräfte tragen damit eine Verantwortung, die über Kennzahlen hinausgeht. Wer Würde achtet, schafft Rahmenbedingungen, in denen Menschen sich entfalten, Verantwortung übernehmen und sinnstiftend wirken können. Solche Unternehmen ziehen reife, selbstverantwortliche Menschen an – und werden langfristig stabiler, gesünder und erfolgreicher.
Starten wir mit der notwendigen Unterscheidung von Wort und Begriff
Wir gebrauchen sie täglich: Worte. Aber machen wir uns auch Gedanken darüber, was sie bedeuten? Ich habe einmal aus Versehen, das Wort „Nichte“ anstatt „Patenkind“ verwendet und wurde von dem Onkel äußerst empört auf den Unterschied hingewiesen. Was für mich belanglos war, machte für ihn in seinem tieferen Wortverständnis einen riesigen Unterschied. Und zwar in Bezug auf das daraus abgeleitete Verhalten und seinem Verantwortungsgefühl diesem Kind gegenüber.
Ein Wort ist erstmal ein sprachlicher Ausdruck (Ebene der Sprache), der etwas bezeichnet. Woher wissen wir aber, was genau damit gemeint ist? Und gibt es allgemeingültige Regeln, aus denen wir die Bedeutung von Worten ableiten können? Sobald wir uns darüber Gedanken machen, sind wir auf der Ebene des Denkens und der Begriffe. Ein Begriff ist ein gedanklicher Ausdruck, der wie ein Container die Vorstellung und Bedeutung beinhaltet, die man mit dem Wort verbindet. So landet der Onkel in einer anderen Vorstellung, je nachdem ob er über eine Nichte oder ein Patenkind spricht, basierend auf religiösen Traditionen, nach denen der Patenonkel für das Kind Sorge trägt, sollten die Eltern versterben. Wer noch nie von dieser Tradition gehört hat, benutzt beide Worte gleichwertig, ohne sich darüber bewusst zu sein.
Wenn man Menschen zum Begriff „Freiheit“ befragt, kann ein und dasselbe Wort in völlig anderen Vorstellungen münden. Gerade bei abstrakten Begriffen wie zum Beispiel Freiheit, Hoffnung, Liebe oder auch Team, Gemeinschaft, Zusammenarbeit sind die Möglichkeiten der Interpretation und Bedeutung so zahlreich wie die Menschen, die versuchen eine Erklärung zu liefern. Ich glaube wir sind uns einig, dass es leichter ist, zu erklären, was der Begriff „Baum“ bedeutet als der Begriff „Freiheit“.
Schauen wir uns nun mal den Begriff „Wertschätzung“ anhand eines kleines Quizes an. Was versteht man üblicherweise unter Wertschätzung?
- Als Mitarbeiter morgens pünktlich zur Arbeit kommt?
- Auf dem Gang von Kollegen angelächelt werden?
- Lob vom Chef?
- Eine Gehaltserhöhung zu bekommen?
- Dem/der Partner/in zuzuhören und sich für dafür zu interessieren, was erzählt wird?
- Sich für das Ausräumen des Geschirrspülers bedanken?
Bei allen sechs Antworten handelt es sich nicht um Wertschätzung! Bis zur Auflösung ist Geduld gefragt. Für die Hintergründe müssen wir etwas ausholen.
Ich schreibe diesen Artikel, weil ich in meiner Tätigkeit als Trainer und Coach immer wieder die Erfahrung mache, dass der Begriff Wertschätzung falsch verstanden oder besser gesagt, völlig unreflektiert gebraucht wird und dies sowohl zu Missverständnissen innerhalb von Führungs- und Beziehungssituationen führt als auch zu falsch kommunizierten Erwartungen innerhalb dieser Kontexte. Übrigens gleich gefolgt von der Worthülse „Respekt“, welche an Ernsthaftigkeit verliert, je inflatorischer sie gebraucht wird. Das vielleicht altmodisch konnotierte Wort „Würde“ fällt in diesem Zusammenhang so gut wie nie, obwohl dessen Beleuchtung beim Sortieren der menschlich legitimen Wünsche und Bedürfnisse sowie Wertschätzung in meinen Augen eine absolute Notwendigkeit darstellt. Was ich nun mit diesem Text herleiten möchte.
Teil 1 – Wertschätzung als Wortcontainer für irgendwie alles Zwischenmenschliche
Es braucht eine Klarstellung der Begrifflichkeiten, um sie unmissverständlich benutzen zu können und dadurch mehr Klarheit in Kommunikation und Miteinander zu bringen. Es ist eben doch wichtig und hat andere Auswirkungen, ob wir über eine Nichte oder ein Patenkind sprechen. Qualität in die eigene Kommunikationsfähigkeit bringen zu wollen bedingt Begriffsreflektion. Bedeutung sorgt für Deutlichkeit. Prägnanz und Eindeutigkeit sind der Gewinn.
In einem meiner Führungstrainings sollten die Teilnehmer in ein Brainstorming gehen zu der Frage „Was verstehe ich unter Wertschätzung?“ Das Ergebnis bestätigte meine obige These, dass in den Begriff so einiges hineingedeutet wird, was dort nichts zu suchen hat. Wenn in diesem Zusammenhang zum Beispiel die Worte Lob und Anerkennung fallen ist dies auf den ersten Blick nachvollziehbar, jedoch sind Lob und Anerkennung lediglich ein Ausdruck von Wertschätzung, nicht aber Wertschätzung selbst.
Es geht also in meiner Betrachtung zusätzlich zur Begriffsklärung auch um die richtige Reihenfolge. Bzw. darum was worauf aufbaut. Wir müssen also aufpassen, dass wir das Wort Wertschätzung nicht mit dem Ausdruck dessen gleichsetzen. Sonst würde die Antwort auf die Frage „Was ist Liebe?“ lauten „Ein Kuss.“. Der Kuss ist lediglich ein Ausdruck von Liebe. Aber Liebe kann sich auch über unzählig andere Arten ausdrücken. Wenn wir diese aufgelistet hätten, hätten wir noch lange nicht die Liebe an sich definiert.
Also: erst schätzen wir etwas wert, und dann finden wir einen Ausdruck dafür.
Es braucht also Genauigkeit in der Begriffsbetrachtung und ihrer Herkunft. Schlagen wir mal nach, was im schlauen Duden steht. Im sogenannten Herkunftswörterbuch wird für das Wort „Wert“ angegeben: „positive Bedeutung, Gewichtigkeit und besondere Qualität“. Für „schätzen“ heißt es: „einen Wert veranschlagen“. Und das zusammengesetzte Wort „Wert-schätzung“ wurde ursprünglich in einer Zeit verwendet, in der der Wert einer Sache oder Dienstleistung nicht von vornherein festgelegt war, sondern zum Beispiel beim Einkauf und Feilschen auf einem Markt geschätzt werden musste. Der gezahlte Preis hing dann davon ab, welchen Wert der Käufer und Verkäufer der Ware beimessen. Oder anders formuliert, welchen ganz individuellen Wert die Ware für den Käufer kontextabhängig hat. So kann einer Ziege beim Kauf ein unterschiedlicher Wert beigemessen werden, je nachdem, ob man sie kauft, um sie zu schlachten (=Mastvieh) oder um sie zum Züchten weiterer Ziegen (=Zuchtvieh) zu verwenden. Die Ziege braucht also je nach Kontext andere Eigenschaften, die sich dann im Preis niederschlagen werden. Der Wert von Mastvieh bemisst sich an der sogenannten Fleischleistung (günstiges Verhältnis von Muskeln, Fett und Knochen), der Wert von Zuchtvieh an ihrer genetischen Qualität (Fruchtbarkeit, Langlebigkeit und Reinrassigkeit). Das Mastvieh hat für den Betrieb des Zuchtbauern kaum einen Wert und der Mastbauer kann in seinem Betrieb die Zuchtziege nicht zwingend in Geld verwandeln.
Nun, wozu das alles? Es soll hier doch um Menschen gehen und nicht um Mastvieh! Um Himmels willen! Dieser Vergleich maßt sich doch etwas respektlos an, oder? (Zum Begriff „Respekt“ kommen wir übrigens später noch) Ich bin weit davon entfernt, den Menschen mit Vieh vergleichen zu wollen. Mit den obigen Ausführungen will ich über die Ursprünglichkeit des Begriffes Wertschätzung zu mehr Eindeutigkeit gelangen. Und zwar zuerst auf ganz konkrete Weise, um daraus dann ein abstraktes, allgemeineres Verständnis abzuleiten (Induktion), welches uns in unserer Betrachtung weiterhilft. Um dieses dann wiederum herunterzubrechen oder auch zu übertragen (Deduktion) auf unseren konkreten Führungs- und Beziehungsalltag.
Korrekte Begriffsdefinition Wertschätzung:
Abstrakt gesprochen, geht es bei der Wertschätzung gegenüber Menschen darum, konkrete Eigenschaften, Fähigkeiten, Talente oder Beiträge dieser Menschen innerhalb eines bestimmten Kontextes (Team, Prozess, Unternehmen, Partnerschaft, Freundschaft, Familie etc.) einen individuellen Wert beizumessen. Und zwar als innerer Prozess, so dass der Wert besteht, unabhängig davon, ob er nach außen hin benannt wird oder nicht.
Erst im zweiten Schritt geht es dann darum, der Wertschätzung auch Ausdruck zu verleihen, was auf unterschiedlichste Weise erfolgen kann (Lob, Anerkennung, Aufmerksamkeit, Danke sagen, Geld, Gegenleistung, Geschenke, und und und).
Stell dir vor du sprichst perfekt Französisch, und es wird ein Team zusammengestellt für ein Projekt in der Pariser Firmenniederlassung. Dann hat in diesem Zusammenhang deine Fähigkeit, Französisch zu sprechen einen hohen Wert. Fände das Projekt hingegen in Deutschland statt, wäre dies in diesem Kontext wert-los (wohlgemerkt die Fähigkeit, nicht du!). Du müsstest dich neu auf die Suche machen, nach einer deiner Fähigkeiten, die im deutschen Projekt einen wertvollen Beitrag darstellt. Das könnte Organisationstalent sein oder auch so etwas wie Optimismus oder Kreativität. Da fachliche Qualifikation hoffentlich die Basis der Basis war, dich überhaupt auf diese Stelle zu setzen, ist da in meinen Augen nichts, was es zu wertschätzen gilt, denn fachliche Eignung sollte eine Selbstverständlichkeit darstellen. Das mag nun etwas provokant daherkommen, ist aber meine These. Wenn wir Selbstverständlichkeiten inflatorisch zu hoch bewerten, reduziert das in meinen Augen die Bedeutung des Werts, der einen Unterschied macht. Keine Selbstverständlichkeit für mich ist zum Beispiel auch die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen. Dieser gehört ein hoher Wert beigemessen, zumal einige unserer Spezies so ihre Schwierigkeiten damit haben. Und auch in Beziehungen kann ich ganz wertschätzend sagen „Schön, dass es dich gibt!“ Die wichtige Frage dabei ist doch aber „Warum ist das schön?“ Welchen Wert hast du für mich, den ein/e andere/r Partner/in nicht hat? In dieser Betrachtung wird uns hoffentlich bewusst, dass es gerade die nicht selbstverständlichen Dinge sind, die einen Unterschied machen und eine Bedeutung, einen Wert für uns haben.
Kehren wir zurück zu den sechs Beispielen am Anfang des Textes. Wenn wir nun die korrekte Begriffsdefinition im Hinterkopf haben, können wir diese nun wie folgt einordnen:
Dass ein Mitarbeiter in einem vereinbarten Zeitkorridor zur Arbeit erscheint, sollte die Selbstverständlichkeit darstellen. Weder stellt das pünktliche Erscheinen eine Wertschätzung gegenüber der Firma oder dem Chef dar, noch muss das Verhalten besonders positiv betont werden. Je niedriger übrigens die Schwelle für einen Wert-Anspruch bei unseren Verhaltensweisen ist, desto mehr driften wir psychisch in die kindliche Regression ab, innerhalb der die selbstverständlichsten Dinge beklatscht werden müssen. Bei Kindern ist das notwendig für ihre Entwicklung und deshalb in Ordnung. Aber in diesem Text geht es um erwachsene und autonome Menschen, die ihren Selbstwert unabhängig von Applaus finden können. In einem Training formulierte eine Führungskraft mal sehr treffend: „Soll ich schon Beifall klatschen, wenn mein Mitarbeiter den Weg zur Arbeit selbst gefunden hat?“ Ich rate davon ab!
Wenn uns nun der Kollege auf dem Gang anlächelt, ist das gemäß Definition keine Wertschätzung, sondern Höflichkeit oder Freundlichkeit oder negativ geframed kann es sogar Anpassung oder Gefälligkeit (ich will es jedem recht machen) sein. Also eine Eigenschaft, die sich im Umgang mit anderen Menschen zeigt. Was auch für den Umkehrschluss wichtig ist: Menschen, die uns nicht anlächeln, sind nicht automatisch weniger wertschätzend als andere. Sie sind vielleicht einfach nur mehr bei sich! Nun sind Höflichkeit und Freundlichkeit allerdings Werte, die man individuell schätzen darf. Haben sie einen hohen individuellen Wert für uns, können wir dem Ausdruck verleihen und sagen: „Deine Freundlichkeit bedeutet mir viel. Ich fühle mich in deiner Gesellschaft dadurch wohl.“
Wie sieht es mit dem Lob vom Chef aus? Jetzt fällt es vielleicht schon leichter, dies einzuordnen. Das Lob ist der Ausdruck dafür, dass vorher ein Wert hoch eingeschätzt wurde (wie im obigen Beispiel die Fähigkeit des Französischsprechens oder des Optimismus). Gleiches Spiel mit der Gehaltserhöhung. Um den Wert eines Beitrags eines Menschen zu schätzen, können wir uns fragen: Welchen Wert hat seine Fähigkeit im Team oder Unternehmen?
Ich betone nochmal: wir messen dem Beitrag einen Wert bei, nicht dem Menschen! Um den gottgegebenen Wert eines Menschen geht es weiter unten.
Wenn mein/e Partner/in mir im Beziehungskontext zuhört und Interesse entgegenbringt, ist das -wie wir jetzt gelernt haben- keine Wertschätzung, sondern eine wunderbare Fähigkeit und Eigenschaft, die viel mit Empathie zu tun hat. Dem zugrunde liegen kann aber, dass sie ihr Gegenüber sehr zu schätzen weiß und sich deshalb aufmerksamer zeigt als bei einer anderen Person. Die Empathie stellt also einen Wert an sich dar, den es in meinen Augen übrigens in jeder Beziehung als Basis braucht. In einer Welt, in der narzisstische Störungen (=das Gegenteil von Empathie) auf dem Vormarsch sind, ist dies auch mehr als eine Selbstverständlichkeit.
Das Danke sagen nach der Hilfe im Haushalt ist also ebenfalls nicht als Wertschätzung anzusehen, sondern als Ausdruck davon. Inwiefern diese Hilfe als Selbstverständlichkeit verstanden wird bzw. welcher Wert ihr beigemessen wird, darüber scheiden sich die Geister. Diskutieren wir das am besten mit unserem Partner/in aus und finden einen fairen gemeinsamen Nenner.
Also, fassen wir nochmal zusammen: was von der Allgemeinheit als Wertschätzung verstanden wird, ist in den meisten Fällen der positive Ausdruck (extern) davon. Die Wertschätzung an sich findet aber davor statt und ist ein individueller und kontextabhängiger Bewertungsprozess (intern). Es wird ein Beitrag bewertet, nicht der Mensch an sich!
Deshalb müssen wir nun auch eine auf den ersten Blick kaltherzig daherkommende Aussage treffen: wenn der Mensch keinen über das selbstverständliche Maß hinausgehenden Beitrag leistet, gibt es keinen (positiven) Wert, den man ansetzen könnte und somit auch kein Lobeswörtchen, welches ausgesprochen werden muss.
Nun kann sich Empörung beim Leser breit machen. Aber nur, wenn man nicht weiterliest. Denn wir haben die Sache noch nicht zu Ende gedacht.
Jeder Mensch ist ersetzbar, oder? Dieser Satz wird im Unternehmenskontext oft zitiert, wenn Mitarbeiter das Unternehmen verlassen. Ich finde diesen Satz empörungswürdiger als alles, was in den vorherigen Zeilen steht. Denn er blendet die Einzigartigkeit und Bedeutung, die ein Mensch für uns haben kann, aus. Stellen wir uns einmal vor, wir würden das über unsere Kinder, Partner/in oder liebgewonnene Freunde sagen. Dann wird uns bewusst, dass es bei allen Menschen neben ihren „Beiträgen“ doch noch etwas anderes gibt -ich nenne es mal die menschliche Komponente- die uns fehlen würde, wenn diese Leute nicht mehr da wären.
Ich möchte die Brücke zu meinem nächsten Gedanken schlagen, indem ich von einer Intervention berichte, die ich in Team- oder Führungstrainings im Zusammenhang mit dem Thema Wertschätzung oft durchführe. Ich fordere die Teilnehmer dazu auf, sich offen im Plenum Feedback zu geben anhand folgender Fragen: „Was würde im Team/in der Firma fehlen, wenn du nicht mehr da wärst?“ oder „Was würde ich vermissen, wenn du nicht mehr Teil unseres Teams wärst?“ Mit diesen zwei Fragen kommt man relativ schnell an den persönlichen Kern der Sache und in den meisten Fällen führt es zu einem berührenden und emotionalen Austausch. Die Fragen führen die Teilnehmer in einen inneren Such- und Bewertungsprozess (= Wertschätzung) und das positive Feedback ist dann Ausdruck davon. Darüber entsteht eine -jetzt passt der Begriff- wertschätzende Verbindung, ein wichtiges Puzzlestück für eine positive Arbeitsatmosphäre und Motivation in Teams.
Den ersten Teil möchte ich abschließen und zur Orientierung noch eine Abgrenzung vornehmen: alle netten Umgangsformen im sozialen Miteinander wie Höflichkeit, Freundlichkeit, Grüßen, Anlächeln etc. haben nichts mit Wertschätzung zu tun, sondern sind einzuordnen als kulturelles Gestaltungselement bezüglich Atmosphäre, Stimmung und persönliche Grundhaltung. Welche Kultur herrscht in unserem Team, unserer Firma, unserer Beziehung, Familie, unserem Land? Welche grundsätzliche Haltung habe ich gegenüber Meschen? Und wie gestalten wir auf dieser Basis unser Miteinander? So kann ich zum Beispiel einem Mitarbeiter freundlich begegnen, auch wenn er in meinen Augen in der letzten Zeit kaum einen Beitrag zum Team-Erfolg beigesteuert hat. Die Umgangsformen sollten wir also losgelöst betrachten von eventuell geleisteten oder nicht geleisteten Beiträgen. Und vor allem sollten wir auch begrifflich sauber trennen, damit ganz klar ist, dass ich auf einer Leistungsebene kommunizieren kann und hier die Wertschätzung ein Instrument dafür darstellt. Und dass ich auf einer „menschlichen“ Ebene kommunizieren kann, die sich unabhängig von irgendwelchen Leistungen oder Beiträgen gestaltet.
Aber was ist denn jetzt gemeint mit dieser „menschlichen“ Ebene?
Teil 2 – Warum wir uns mit unserer Würde auseinandersetzen sollten
Nun da wir den Wortcontainer „Wertschätzung“ mit dem richtigen Inhalt gefüllt haben, dürfen wir uns die legitime Frage stellen, worunter nun der ganze Rest gehört, den wir bisher fälschlicherweise mit in diesen Container gepackt haben? Das falsche Einordnen dieses noch zu ergründenden Rests hat nämlich auch zur Folge, dass ein immens wichtiges Thema heruntergespielt, im schlimmsten Falle sogar ausgeblendet wird, weil man es einfach auch irgendwie zur Wertschätzung hinzuordnet. Wir müssen ihm Raum geben, diesem Thema, und es von allen Seiten beleuchten, damit uns die Tragweite dessen bewusst wird. Und wir dadurch auch besser verstehen, woher der weitverbreitete Schrei nach Wertschätzung herrührt und welches tiefere Anliegen darunter liegt. Es wird geschriehen, ohne nachzudenken, ohne zu reflektieren, was wir nun hoffentlich einigermaßen ausreichend nachgeholt haben. Die Intention hinter dem Schrei ist nachvollziehbar und legitim, wenn man weiß, welche menschlichen Grundbedürfnisse dahinterstecken (siehe weiter unten).
Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das ist der erste Satz unseres Grundgesetzes, welches 1949 in Kraft trat. Rückblickend finden wir einige philosophische und religiöse Texte, die bereits 300 v. Chr. beginnend eine „angeborene Würde“ des Menschen benennen (z. B. Stoa oder Cicero). Auf Basis bestimmter Bibelstellen (z. B. Gen 1,27 „Der Mensch ist im Bilde Gottes geschaffen“) wurde später die „unveräußerliche Menschenwürde“ begründet. Hier wird deutlich, dass es sich bei der Würde um etwas handelt, was nicht vom Menschen getrennt werden kann. In bestimmten Zusammenhängen wird von würdelosem Verhalten oder auch würdelosen Bedingungen gesprochen. Diese Ausdrücke müssen wir umformulieren, um uns etwas klarzumachen. Die genauere Beschreibung müsste lauten: man kann sich so verhalten oder Bedingungen schaffen, als hätte der Mensch keine Würde. Würdeloses Verhalten setzt also immer ein Subjekt voraus, das die Würde ausblendet oder sie missachtet. Ob dies absichtlich oder unbewusst geschieht, bleibt dahingestellt. Aber selbst, wenn die Würde von einem Subjekt ausgeblendet oder missachtet wird, kann das nicht ihre authentische Existenz auslöschen.
Sie wohnt uns also allen inne, und ich appelliere daran, dies wieder in unser Bewusstsein zu holen. Die psychisch Gesunden haben ein inneres Echolot, welches ausschlägt, wenn würdeloses Verhalten erfahren oder beobachtet wird. Die schlimmste Form davon ist sicherlich die Sklaverei, bei der Menschen als Leibeigene betrachtet und alle Rechte aberkannt werden. Aber würdeloses Verhalten gibt es in zig Abstufungen. Dies lässt dann einen Aufschrei ertönen, der zu oft „Wertschätzung“ fordert und eigentlich „Würde“ heißen sollte.
Das Wort Wert wird oft als Synonym für Würde verwendet und sollte doch trennscharf gebraucht werden. Unsere Würde ist also etwas anderes, bedeutenderes als unser Wert! Würde ist ein uns gottgegebenes Gut, eine Konstante, die in jedem Kontext gleich bleibt. Der Wert kann von Kontext zu Kontext variieren. So können wir für den einen Menschen/das eine Team/das eine Unternehmen mehr oder weniger wert sein als für den/das andere/n, obwohl wir in beiden Kontexten gleichermaßen mit unserer gottgegebenen Würde ausgestattet sind. Wer Schwierigkeiten mit der Bezeichnung „gottgegeben“ hat, ersetze das Wort beim Lesen durch „naturgegeben“.
In der Aufklärung prägte Immanuel Kant den modernen Begriff der Würde entscheidend, indem er sagte: „Der Mensch besitzt Würde, weil er ein Zweck an sich und nie bloß Mittel ist. Auch hier verdeutlicht sich noch einmal die Abgrenzung vom Menschen als Mittel zum Zweck (was ich oben als Beitrag bezeichnet habe) zum Zweck des Menschseins an sich. Pathetischer formuliert: wir sind auf dieser Erde, um Mensch zu sein, anstatt (nur) als Hilfsmittel oder wie es im Businesskontext oft heißt „humane Ressource“ zu dienen.
Wenn unser Leben uns dient, dienen wir dem Menschsein.
Ebenfalls in der Aufklärung beschrieb John Locke ein paar Jahre vor Kant die „natürlichen Rechte, die jeder Mensch von Natur aus besitzt.“ In seinem Wortlaut waren dies das Recht auf Leben, Freiheit, Eigentum, Selbstverteidigung und Widerstandsrecht. Wir könnten nun den rechtlichen oder auch geschichtlichen roten Faden weiterverfolgen bis zum heutigen Grundgesetz oder den UN-Menschenrechten. Da wir uns hier aber in einem psychologischen Blog befinden, möchte ich die natürlichen Rechte auf entwicklungspsychologische Weise aufschlüsseln.
Welche Rechte stehen uns also entwicklungspsychologisch zu? Ich gehe in älteren Blog-Artikeln bereits darauf ein, da es ein Grundpfeiler meiner Arbeit darstellt. Bereits bevor wir in diese Welt hineingeboren werden, startet ein erstaunlicher neuronaler Entwicklungsprozess, der im Idealfall bis zum 12 Lebensjahr die drei Ebenen Körper (Stammhirn), Emotionen (limbisches System) und Geist (Neokortex) gesund miteinander verbindet. Dabei gibt es sieben Entwicklungsphasen, innerhalb derer sich unsere sogenannten Charakter-Strukturen ausbilden. Die Basis für dieses Wissen sind Forschungsergebnisse zur psychomotorischen Entwicklung von Kindern, der Tiefenpsychologie und der Gehirnforschung. Alles zusammengefasst zu finden unter www.bodynamic.com. Bei einer gesunden Entwicklung bildet sich in jeder dieser Charakter-Strukturen ein natürliches Recht aus, das uns als Mensch unsere Würde verleiht. Diese sind:
- Das Recht auf Existenz (2. Schwangerschaftstrimester – 3 Monate)
- Das Recht auf Bedürfnisse und deren Befriedigung (1 – 18 Monate)
- Das Recht, autonom zu sein (8 Monate – 2,5 Jahre)
- Das Recht auf den eigenen Willen, also absichtlich, zielgerichtet und eigenwillig zu sein (2 – 4 Jahre)
- Das Recht auf liebende/Herz und sexuelle Gefühle/Becken (3 – 6 Jahre)
- Das Recht auf seine eigene Meinung (5 – 9 Jahre)
- Das Recht darauf, ein vollwertiges Gruppenmitglied zu sein, ohne konkurrieren oder etwas leisten zu müssen (7 – 12 Jahre)
Auf jeder Ebene kann es zu mehr oder weniger Traumatisierung kommen, was die gesunde Entwicklung beeinflussen oder behindern kann. Meist ausgelöst durch hinderliche Beziehungsgestaltung durch die Hauptbezugspersonen. Aber das soll hier nicht unser Fokus sein. Wir wollen vielmehr betrachten, wie diese Charakter-Strukturen als Säulen unserer erlebten Würde, auch Integrität genannt, dienen.
Die Fähigkeit, Würde zu erleben, setzt das Wissen inklusive dem richtigen Verständnis darüber voraus. Nehmen wir hierfür einen Umweg über einen anderen, praktischeren Zusammenhang. Stellen wir uns vor, wir sitzen als unerfahrene, neue Wohnungseigentümer im Winter vor der Heizung und frieren, weil sie nicht läuft. Das einzige, was wir bisher wissen ist, dass wir an dem Regelungsknopf drehen können, um wärmer zu stellen. Es passiert aber nichts. In einem Telefonat mit einem erfahrenen Freund, erklärt er uns, dass man Heizungen ab und zu entlüften und den Wasserdruck im Heizungskessel im Keller prüfen muss, um zu gewährleisten, dass das Wasser ausreichend zirkuliert. Ohne dieses Wissen würden wir in der kalten Wohnung sitzen bleiben müssen. Genauso verhält es sich mit dem Wissen über die Würde. Um ein würdevolles Leben für uns und andere erlebbar gestalten zu können, brauchen wir ein umfassenderes Verständnis davon. Und wir müssen begreifen, dass es nichts bringt, wie wild am Knopf der Wertschätzung hin- und herzudrehen, wenn der Mangel eigentlich an einer anderen Stelle herrscht.
Als nächstes müssen wir betrachten, auf welchen Wegen Wissen zu uns gelangen kann. Dabei wird zwischen implizitem und explizitem Wissen unterschieden. Denken wir mal darüber nach, wie wir unsere Muttersprache gelernt haben. Ganz ohne Vokalbelheft und Grammatikbuch. Dies wurde uns erst in der Schule nachgeliefert. Wir haben die Sprache unbewusst gelernt über Hören, Beobachten und Nachahmen. So landete sie in unserem impliziten (=unbewussten) Gedächtnis, wurde zu implizitem Wissen. Implizit steht im Lateinischen für „eingeschlossen“. Gemeint ist damit der Teil des Erfahrungsgedächtnisses, auf den wir als Erwachsener keinen kognitiven Zugriff haben. Wir können zwar sprechen, haben aber kein aktives Wissen darüber WIE der Prozess des Lernens genau von statten ging. Das Lernen bleibt „unabsichtlich und unbewusst“, da es in unseren frühesten Kindheitstagen stattfand. Es steckt also tief in unserem Unterbewusstsein fest und es gibt keine Erinnerung daran, wie sich unsere Verhaltensweisen und Muster eingebrannt haben.
Über das sogenannte explizite Erfahrungsgedächtnis spricht man, wenn wir wissentlich Zugriff darauf haben, und uns offensichtlich und klar daran erinnern können (explizit: lat. für deutlich, klar) wie wir Wissen aufgenommen und etwas gelernt haben. Die Fremdsprache, die wir in der Schule gelernt haben, landet also im expliziten Gedächtnis. Wir können den Lernprozess (Vokabeln pauken, Grammatik lernen, Texte übersetzen) im Nachhinein noch genau beschreiben und uns daran zurück erinnern.
Kann man Würde „lernen“?
Wie lernen wir jetzt aber „Würde“?
Was weiß der Laie über diesen Lernprozess? Nichts! Und wenn wir nicht anfangen, uns damit nachträglich auseinanderzusetzen, wird es so bleiben!
Dieser Blog-Artikel will auch das. Die Betrachtung des Würde-Lernprozesses, der Inhalt der oben genannten Entwicklungspsychologie ist. Denn dann können wir einen expliziten Blick auf unser implizites Wissen über Würde werfen.
Ein Kind wird in Würde groß, wenn ihm auf seinem Entwicklungsweg von den Bezugspersonen das Recht auf Existenz, Bedürfniserfüllung, Autonomie, Wille, Liebe und Sexualität, Meinung und Zugehörigkeit (unabhängig von Leistung) eingeräumt wird. In welchem Maße dies geschieht, prägt entscheidend, ob der Erwachsene sich später selbst diese Rechte einzuräumen in der Lage ist. Wer von uns kann sich daran erinnern, wie sehr unsere Eltern auf unsere Bedürfnisse eingegangen sind als wir ein Jahr alt waren? Aber wir können in der Gegenwart als Erwachsener wahrnehmen, ob wir unsere eigenen Bedürfnisse zu Gunsten der Bedürfnisse anderer missachten. Oder ob wir mit unserer Meinung hinterm Berg halten, weil wir uns nicht trauen, sie in eine Diskussion mit anderen einzubringen.
Und jetzt sind wir an einem spannenden Punkt, der uns wieder in den Unternehmens- und Beziehungskontext zurückbringt. In der Kindheit lag der Schlüssel zur Entwicklung der eigenen Würde im Gegenüber. Ein Kind kann sich sein Recht auf Existenz, Bedürfniserfüllung etc. (siehe oben) nicht selbst zu sprechen. Es muss ihm im Kontakt zugesprochen/zugestanden werden! Erst dadurch entsteht eine gesunde Codierung im Nervensystem, die das Kind und später den Erwachsenen befähigt, selbst auf seine Würde (inklusive Bedürfnisse, Autonomie etc.) zu achten und im zweiten Schritt sich im Kontakt mit anderen dafür einzusetzen.
Wenn wir also gesunde Beziehungen und Arbeitsverhältnisse gestalten wollen, brauchen wir eine inhärente Ausrichtung auf die Würde des Menschen. Dies bedeutet, dass ein Mensch in Würde leben und arbeiten kann, wenn ihm die oben aufgeführten Rechte zugesprochen werden. Dies ist losgelöst zu betrachten von der Leistung/dem Beitrag/den Fähigkeiten, aufgrund derer dieser Mensch eingestellt wurde.
Der erste Schritt ist, dass der Mensch sich selbst diese Rechte zuspricht. Übersetzt, dass er selbst in der Lage ist:
- sich in seiner Existenz zu akzeptieren
- auf seine Bedürfnisse zu achten, anstatt über sie hinweg zu gehen
- sich autonom = unabhängig von anderen zu verhalten
- seinem eigenen Willen zu folgen
- seine Liebe und Sexualität zu leben
- seine eigene Meinung auszudrücken
- sich zugehörig zu fühlen, ohne etwas leisten zu müssen.
Und resultierend daraus:
- jeden Kontext zu verlassen, in dem dies nicht möglich ist!
Wohlwissend, dass wir hier über eine Idealvorstellung des menschlichen Daseins sprechen, dürfen wir die Vision davon nicht verlieren, wenn wir uns an der göttlichen (alternativ: naturgegebenen) Idee vom Menschsein ausrichten wollen.
Wie sind wir gedacht?
Sollen wir allen Ernstes auf diese Welt gekommen sein, um unseren Grund der Existenz und alles, was damit einhergeht (unsere Bedürfnisse, unsere Freiheit, unser Wille etc.) zu unterdrücken? Die Antwort darauf kann, logisch hergeleitet, nicht „Ja“ lauten. Diese philosophische Betrachtung öffnet die Frage nach einem gesunden, an die Realität angebundenen Gleichgewicht. Wir wissen, dass es „im echten Leben“ genügend Situationen gibt, in denen die Erfüllung unserer Rechte ausbleibt. Psychologen sprechen von der sogenannten Frustrationstoleranz, deren gesundes Verhältnis in Forschungen bei 3 : 1 festgestellt wurde. Die menschliche Psyche bleibt gesund und stabil, wenn die Nichterfüllung der entwicklungspsychologischen Rechte maximal ein Drittel beträgt. Die Erfüllung der Rechte muss also drei Mal überwiegen.
Ein Mensch gilt in der Psychologie als erwachsen, wenn er in der Lage ist, sich selbst die oben genannten Rechte zuzusprechen und sich in den unterschiedlichsten Kontexten dafür einzusetzen. Wenn wir uns dies bewusst machen, müssen wir uns eingestehen, dass die Mehrheit der Menschen auf einem kindlichen Entwicklungsniveau stehen geblieben sind. Sie sind zwar in Lebensjahren älter geworden, entwicklungspsychologisch aber auf dem Level eines Kindes eingefroren.
Wer mit seiner eigenen Existenz hadert, ist psychisch gesehen nicht älter als 3 Monate! Jedes herausfordernde Thema wirft ihn auf diese existenzielle Struktur zurück. Es fühlt sich für ihn an, als ginge es um Leben oder Tod.
Wer seine Bedürfnisse nicht kennt, über sie hinweggeht oder die Bedürfnisse der anderen an erste Stelle setzt, ist psychisch auf dem Level eines 1,5-Jährigen stehen geblieben.
Wer sich in seinen Impulsen und Entscheidungen nicht von anderen emanzipieren kann, hat das Reifeniveau eines 2,5-Jährigen.
Wer seine eigenen Ziele und seinen Willen, sie zu erreichen unterdrückt, geht als psychisch 4-Jähriger durch die Welt.
Wer sich selbst nicht in erfüllender Liebe und Sexualität erleben kann, ist psychisch gesehen maximal 6 Jahre alt. Hier braucht es noch einen erklärenden Einschub: im Alter von 3 bis 6 Jahren geht es nicht um die Entwicklung der Sexualität im Sinne von Geschlechtsverkehr, sondern darum, den eigenen Körper sinnlich (also mit allen Sinnen, im „unschuldigen“ Sinne) zu erleben, was die Basis für die spätere Sexualität darstellt.
Wer es nicht schafft, eine von Autoritäten unabhängige, eigene Meinung zu haben und sie zu äußern ist auf dem psychischen Level eines 9-Jährigen stehen geblieben.
Und wer meint, sich nur mit entsprechender Leistung die Zugehörigkeit zu einer Gruppe verdienen zu können, ist nicht über die psychische Reife eines 12-Jährigen hinausgewachsen.
Unser menschliches, angeborenes Recht auf Würde enthält sozusagen den göttlichen (=natürlichen) Auftrag, nicht nur älter, sondern psychisch erwachsen zu werden. Und somit Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. So einleuchtend wie herausfordernd.
Kontexte können psychische Reife fördern oder behindern
Wir können das Ganze vom Menschen aus denken:
Gehen wir von einem Menschen aus, der schon ziemlich fortgeschritten ist in seiner psychischen Entwicklung und sich seiner Würde inklusive der daran geknüpften Rechte bewusst ist. Wird er in einem Kontext/System (Beziehung, Familie, Unternehmen) bleiben wollen, in dem seine naturgegeben Rechte missachtet werden? Ein System, in dem er z. B. seine Bedürfnisse, Werte oder Ziele unterdrücken muss? In dem er sich nicht frei fühlen und entfalten kann? Es wäre für ihn zutiefst schädlich, dort zu bleiben und würde ihn auf lange Sicht krank machen. Umgekehrt können wir mit diesem Blick viele psychische Erkrankungen besser verstehen, wenn wir uns die Frage danach stellen, was der Mensch alles heruntergedrückt haben muss, bevor er krank wurde. Herunterdrücken/Niederdrücken heißt im Lateinischen übrigens Depression. Ein Krankheitsbild, das in den letzten Jahren immer mehr auf dem Vormarsch ist und durch die Brille der Entwicklungspsychologie oft eine würdelose Kindheit als Ursache hat, gefolgt von einem reinszenierten würdelosen Erwachsenendasein. Das heißt, der Erwachsene verhält sich so, wie er es als Kind (implizit) gelernt hat.
Dann können wir es vom Kontext her denken:
Wie sieht es nun mit Systemen aus, die den Menschen an sich als „Humane Ressource“, als Mittel zum Zweck sehen? Und sich schwer tun, dieses materialistische (= nicht geistige) Menschenbild zu erweitern um die Komponente der Würde, wie sie oben beschrieben ist? Davon gibt es zuhauf, die meisten entstanden durch die Industrialisierung (diese These hat eine separate Auseinandersetzung verdient, welche aber nicht hier geführt werden soll). Ob die Arbeiter am Band, die 1.000 Mal am Tag den gleichen Handgriff machen oder die Kassiererin, die mit leerem Blick die Waren über den Scanner zieht oder ein Kontrollmitarbeiter, der am PC 100 Listen am Tag auf den gleichen Fehler hin überprüfen muss. Diese Systeme profitieren davon, wenn sie Menschen finden, die in ihrer psychischen Entwicklung auf einer der oben aufgeführten Stufen stehen geblieben, also nicht psychisch erwachsen geworden sind. Und auch von diesen Menschen gibt es zuhauf. „Gefangen“ in diesen Systemen wissen sie nicht, was sie vermissen, sondern entwickeln oft eine unspezifische Unzufriedenheit. Weil sie nie gelernt haben, sich auf den würdevollen Weg ihren wahren Erfüllung zu machen müssen sie Pseudofüllstoff konsumieren. Diese Ersatzbefriedigung betäubt kurzfristig und kann sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Ob Alkohol, Rauchen, Drogen, Serien schauen, Luxusgüter kaufen, oberflächlichen „Spaß“ haben etc.. Dieser Füllstoff hat eines gemeinsam bzw. ist daran zu erkennen, dass er nicht wirklich satt macht, nicht erfüllt. Es wird ein ungestillter Hunger bleiben, solange die Menschen nicht wissen, wie man ihn befriedigt. Wie nah dieses vor sich hin existieren in einem Sinn-Ersatz-Vakuum an Sklaventum grenzt, darf der Leser selbst durchdenken.
Diese unerfüllten Menschen wurden schon als Kinder nicht gesehen in ihren Talenten und Fähigkeiten, landen in Beziehungen oder Unternehmen und ihr Schrei nach Wertschätzung ist eigentlich ein unbewusster Schrei nach Würde! Sie wollen endlich gesehen und anerkannt werden, als das, was sie sind: Mensch und nicht Ressource!
Bevor wir nun in ein Schwarz-Weiß-Denken verfallen und diskutieren, ob es nur darum geht, Mensch oder Ressource zu sein, müssen wir unseren Blick weiten und beides gleichzeitig denken. Wir müssen die Dimensionen übereinander legen. Neben der Frage nach dem Wert bzw. Beitrag, den ein Mitarbeiter in ein Unternehmen einbringt muss unbedingt die Frage nach einem würdevollen Einsatz stehen. Und uns im gleichen Moment die Frage nach der Verknüpfung der beiden Dimensionen stellen. Wenn wir etwas Nützliches in ein Team einbringen, wollen wir darin gesehen und anerkannt werden. Das ist unter Wertschätzung einzusortieren. Wir wollen uns -vorausgesetzt wir sind psychisch erwachsen- aber gleichzeitig oder darüber hinaus auch verwirklichen und frei gestalten können in einem Unternehmensrahmen. Bestenfalls mit einer Fähigkeit, einem Talent, das unserem Wesen entspricht. Bestenfalls mit einer Aufgabe, die der Entfaltung unseres Wesens dient, ohne Beschränkung zu erleben.
Etwas weniger pathetisch können wir hierfür noch einmal das Recht auf Bedürfniserfüllung genauer betrachten. Neben den körperlichen/biologischen Bedürfnissen wie zum Beispiel Essen oder Schlafen hat jeder Mensch auch psychische Bedürfnisse wie Zugehörigkeit oder Selbstverwirklichung. Weit verbreitet ist zum Beispiel die Bedürfnispyramide nach Abraham Maslow, nach der der Mensch erst dann nach Selbstverwirklichung streben kann, wenn seine biologischen Grundbedürfnisse, sein Sicherheitsbedürfnis, seine sozialen Bedürfnisse und sein Anerkennungsbedürfnis weitestgehend erfüllt sind. In meinem Buch „KörperResilienz“ tauche ich tiefer in das Thema ein. Hier möchte ich zusammenfassend auf folgenden Punkt kommen: sobald der Mensch erkennt, dass sein höchstes Bedürfnis (und Ziel) seine authentische Selbstverwirklichung ist und er außerdem die ganzen Krisen und Krankheiten, die sein Leben für ihn bereit hält als Botschaften auf diesem Weg betrachtet, wird es ihm immer mehr gelingen selbstbestimmt und autonom in ein würdevolles Leben hineinzuleben. Auf diesem Weg wird er konsequent wählen. Und zwar Unternehmen, in denen er seiner Bestimmung folgen kann und Beziehungen, in denen er frei sein kann. Er wird also Kontexte und Systeme aussortieren, in denen er Begrenzung erfährt.
Er ist unabhängig und frei, weil er sich darauf besinnt, dass er die Wahl hat.
Nicht er wird aussortiert, sondern er sortiert aus und sucht sich das Richtige.
Es braucht also Menschen, die diese Zusammenhänge begreifen, um den Boden für freie Entfaltung zu bestellen. So werden zum einen Unternehmer ihr Unternehmen nicht nur zur Wertschöpfung nutzen, sondern auch, um gleichzeitig einen Beitrag zur Schöpfung zu leisten, indem sie Menschen einen Rahmen bieten, in dem freie Entfaltung möglich ist. Und damit die authentische Antriebskraft/Motivation ihrer Mitarbeiter freilegen. Und zum anderen werden Menschen, die sich in den Dienst eines Unternehmens stellen, gesunde Rahmenbedingungen suchen, die sie in der Entwicklung ihres authentischen Wesens unterstützen. Gibt es eine erfüllendere Win-Win-Situation, als wenn der richtige Mensch am richtigen Platz ist?
Aussagen wie „Begegnung auf Augenhöhe“, „Ich bin ok. Du bist ok.“, „respektvolles Miteinander“ etc. beinhalten legitime Wünsche für eine gute Zusammenarbeit, kratzen aber nur an der symptomatischen Oberfläche des Containers, den wir nun mit grundlegenderem Inhalt gefüllt haben. Alle Begegnung auf Augenhöhe oder Respekt von anderen nutzten mir als Mitarbeiter nichts, wenn meine Tätigkeit mir nicht entspricht oder wenn ich keine Möglichkeit zur Entfaltung sehe.
Einordnung des Wunsches nach Respekt
Wer ausruft „Das war respektlos!“, sollte benennen können, was nicht respektiert wurde und wie sich für ihn Respekt ausdrückt. Auch das fällt uns jetzt hoffentlich leichter, nachdem wir die oberen Überlegungen getroffen haben. Respekt ist -so wie Wertschätzung- ebenfalls ein inflatorisch verwendeter Begriff, in den viele Menschen viel hineindeuten. Er wird oft als Synonym für Achtung oder Wertschätzung verwendet. Da wir nun oben den Begriff Wertschätzung genauer beleuchtet haben, fällt es uns leichter zu erkennen, dass Respekt etwas anderes meint als Wertschätzung. „Achtung“ kommt der Sache schon näher. Wenn wir uns Respekt wünschen, wünschen wir uns Achtung. Aber was soll geachtet und respektiert werden? Jeder Leser darf sich selbst diese Frage stellen. Wann haben wir uns das letzte Mal Respekt gewünscht? Der Gebrauch dieses Wortes sollte mit der inneren Fragestellung einhergehen, was VON MIR ich respektiert sehen möchte.
Bedienen wir uns der obigen Erkenntnisse:
- Möchte ich, dass mein Wert, mein Beitrag, mein Talent, welche/s ich einbringe, respektiert (gesehen, anerkannt) wird?
- Sollen meine Existenz, Bedürfnisse, Autonomie, Wille, Sexualität, Meinung, Gruppenzugehörigkeit geachtet werden?
- Oder möchte ich, dass ich in meiner Würde als Mensch gesehen und so behandelt werde? Dass ich nicht begrenzt werde und mir Entfaltung ermöglicht wird?
Auch hier wird unsere Kommunikation reicher, vollständiger und klarer, wenn wir genau benennen können, was sich in unserem individuellen Wortcontainer „Respekt“ befindet. Je mehr wir uns damit auseinandersetzen, umso reichhaltiger wird auch unser Vokabular dafür. Wir lernen eine neue, auf den Menschen ausgerichtete Sprache zu sprechen, sobald wir tiefer in das Thema eintauchen. Sprache ist Ausdruck unseres Denkens. Und Denken ist Geist. Wir können an unserer Sprache erkennen, wessen Geistes Kind wir sind.
Teil 3 – Von der Oberfläche in die Tiefe
Der Ruf nach Respekt und Wertschätzung kratzt nur an der Oberfläche dessen, was wir uns wünschen zu sein: Wesen, die anerkannt und gesehen werden. Manch einer versucht dies über Äußerlichkeiten oder Materielles zu erreichen. Was bei gleichsam oberflächlichen Menschen auf Resonanz trifft und eventuell auch die gewünschten Reaktionen auslöst. Wer damit schon seinen Korridor der Zufriedenheit ausgefüllt hat und kein Bewusstsein für tiefere Bewusstseinszustände hat, wird sein Leben an eben dieser Oberfläche frönen, und in diesem Zustand des Unbewussten (man könnte auch sagen „Tiefschlaf“) bleiben und sich niemals auf die Suche nach der eigenen Bedeutung und Würde machen und danach, was daraus tiefes und authentisches Erfülltsein generieren kann.
Aber alle anderen, die irgendwann mit der inneren Stimme konfrontiert sind, die sich schmerzhaft aus der Tiefe der Seele meldet mit „Das kann es doch nicht gewesen sein!“ genau die werden entweder in Resignation versinken oder im Schmerz die Chance erkennen und sich auf den Weg machen in Richtung ihrer individuellen Daseinsberechtigung. Oder anderes formuliert: sie werden sich auf die Suche machen nach dem Zweck ihres Daseins.
Auf diesem Weg braucht es Wertschätzung und Respekt für mich selbst und meine Würde und die Einsicht, dass ich mein Wesen nur dann entfalten kann, wenn ich in der Lage bin, mir selbst den Raum und die Zeit dafür zu nehmen. Ich muss mir also selbst das einräumen, was ich aus einer Gewohnheit heraus von anderen einfordere. Und dafür muss ich lernen, mich selbst in meiner Tiefe wahrzunehmen und zu bemerken, was für mich WESENT-lich ist und eine Bedeutung hat. Ausgenommen aller antrainierten „Bedeutung“, die uns vom Herdentrieb eingetrichtert wird. Der sagt nämlich wir bräuchten Partner, Familie, Kinder, Haus, Garten & Co. um glücklich zu werden. Außerdem braucht es Menschen, die Systeme gestalten (Partner, Chefs, Coaches, Gruppen, Organisationen), die diesen Weg (auch teilweise) schon für sich selbst gegangen sind und uns das gleiche ermöglichen können und wollen. Es braucht zwei Dinge: die ausgestreckte Hand auf der „anderen Seite“ und den Willen nach ihr zu greifen.
Wenn wir uns eine Welt vorstellen, in der alle dafür sorgen, dass jeder der „richtige Mensch am richtigen Platz“ ist, leisten Unternehmen neben der WertSCHÖPFUNG einen Beitrag zur Schöpfung und Beziehungen können sich über essentiellere Dinge definieren als Heirat, Kinder oder Hausbau. Unser Leben wird erfüllter und intensiver, weil es Tiefe hat.
Zusammenfassung – Der Mensch muss an seine Würde erinnert werden!
Wir müssen grundlegend zwischen Wort und Begriff unterscheiden, um zu zeigen, wie missverständliche Begriffsverwendung zu Fehlkommunikation in Beziehungen und Organisationen führt. Insbesondere der Begriff Wertschätzung wird oft als Sammelbegriff für alles Positive im zwischenmenschlichen Umgang genutzt, obwohl er eigentlich einen inneren Bewertungsprozess beschreibt. Wertschätzung bezieht sich immer auf einen konkreten Beitrag oder eine Fähigkeit innerhalb eines bestimmten Kontextes und wird erst im zweiten Schritt durch Lob, Anerkennung oder andere Gesten ausgedrückt. Höflichkeit, Freundlichkeit oder Dankbarkeit sind demnach kulturelle Umgangsformen, aber keine Wertschätzung an sich.
Demgegenüber steht der Begriff der Würde, der die unverlierbare, angeborene Qualität des Menschseins beschreibt. Entwicklungspsychologisch wird Würde über grundlegende Rechte wie Existenz, Bedürfnisse, Autonomie, Wille, Liebe, Meinung und Zugehörigkeit aufgebaut. Werden diese Rechte dauerhaft verletzt, bleiben Menschen psychisch unreif und suchen unbewusst äußere Bestätigung.
Unternehmen und Beziehungen können psychische Reife entweder fördern oder behindern, je nachdem, ob sie Menschen nur als Ressource oder auch als Zweck an sich behandeln.
Wir brauchen eine klare begriffliche Trennung und Kontexte, in denen sowohl Wertschätzung von Beiträgen als auch die Achtung der menschlichen Würde möglich sind. Dann tragen auch Unternehmen zur Menschwerdung bei.
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Bild: vecteezy_an-empty-office-with-a-chair-and-a-plant_69504372
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